Die Skaterszene: Unkonventionelle Formen gesellschaftlicher Teilhabe von Jugendlichen

von Franziska Bruttel, Lorenz Heublein, Marie Lafitte und Yiqiao Sun

Vor dem Hintergrund der Europawahlen 2019 und wachsendem Populismus in vielen EU-Mitgliedstaaten stellten wir uns zwei Fragen: Wie sehr interessieren sich Jugendliche in Frankreich und Deutschland eigentlich für Politik? Welche Formen von gesellschaftlicher Teilhabe nutzen sie? Wir, eine Gruppe aus vier Personen mit deutsch-französischem und eher privilegiertem Hintergrund, hatten ein besonderes Interesse daran, Jugendliche zu treffen, mit denen wir ansonsten vermutlich nicht in einen engeren Austausch gekommen wären: BesucherInnen von Jugendzentren in Städten bzw. Stadtteilen, die als benachteiligt wahrgenommen werden und die ein besonders hohes Entwicklungspotenzial aufweisen.

Ziel war es nicht, eine repräsentative Studie auszuarbeiten – vielmehr wollten wir einfach miteinander ins Gespräch kommen und mehr voneinander erfahren.

1. Vorgehensweise

Kontaktaufnahme mit der Zielgruppe

Angeboten hat sich zur Kontaktaufnahme die Kooperation mit bestehenden Treffpunkten, die von den Jugendlichen genutzt werden. Für die Durchführung unserer Interviews haben wir daher einen pragmatischen Ansatz gewählt: Über den Jugendtreff Berchen in Konstanz konnten wir Kontakt mit Jugendlichen aufnehmen, die die dortigen Angebote nutzen. Der Jugendtreff Berchen ist ein Angebot der Stadt Konstanz im Bereich der sogenannten offenen Jugendarbeit: Zu den dem Alltag von Jugendlichen angepassten Öffnungszeiten (nachmittags, abends, am Wochenende) können diese kommen und gehen wie es ihnen beliebt – nur gewisse „besondere“ Angebote wie Ferienausfahrten oder Sportveranstaltungen verlangen eine vorherige Anmeldung. Die Jugendlichen werden außerdem in Entscheidungen und in die tägliche Funktionsweise des Jugendtreffes eingebunden, zum Beispiel über einen Thekendienst.

Mithilfe des Jugendtreffs Berchen konnten wir mit zwei Gruppen von Jugendlichen im Alter von 12 bis 29 Kontakt aufnehmen:

  • Jugendliche aus dem Konstanzer Berchen-Quartier (ein Gebiet in Konstanz mit besonders großem Entwicklungspotenzial), die zu den regelmäßigen Besuchern des Jugendtreffs gehören.
  • Jugendliche aus der Umgebung, die am Wochenende unseres Besuchs wegen eines Skatecups am Jugendtreff Berchen waren.
Deutsch-Französischer Zukunftsdialog 2018 |Der Jugendtreff Berchen während des Skatecups vom 16.06.2018

Durch den auf diese Weise gelegten Schwerpunkt auf die Skatercommunity bot es sich im Anschluss an, auch für die Befragungen in Frankreich überwiegend den Kontakt zu skatenden Jugendlichen zu suchen. Aus praktischen Erwägungen heraus wurde hierzu die Stadt Marseille gewählt: Mit der „Friche la Belle de Mai“ gibt es dort ein überaus aktives und an Angeboten reiches Kulturzentrum. Die „Friche“ verfügt über einen eigenen Outdoor-Skatepark, der vom Verein „Board Spirit Marseille“ .

 betrieben wird. Bereits die Kleinsten lernen hier das Skaten und werden auf diese Weise auch an ein Engagement im Rahmen des Vereins herangeführt. Insgesamt ist die „Friche“ weit mehr als ein Jugendtreff mit Skatepark: Es handelt sich vielmehr um ein großes und weit verzweigtes Kulturzentrum auf einem ehemaligen Industriegelände, in dem über 70 Vereine und Organisationen angesiedelt sind und wo mehr als 400 Künstler und Produzenten täglich arbeiten. Die Friche empfängt auf ihrer Fläche von mehr als 45.000 Quadratmetern pro Jahr über 400.000 Besucher zu 600 Veranstaltungen.

Deutsch-Französischer Zukunftsdialog 2018 | Der Eingang der „Friche la Belle de Mai“ in Marseille

Das Selbstverständnis der Skater-Community

Viele Skater sehen das Skaten mehr oder weniger bewusst als eine Möglichkeit, sich von der Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen. So gehören Graffitis, aufwendig designte Logos und zum Teil auch die Musik zu Erkennungsmerkmalen innerhalb der Skatercommunity. Wichtig ist es der Community auch, sich als weltoffen und vorurteilsfrei darzustellen. Jede und jeder ist willkommen, wobei männliche Skater doch deutlich verbreiteter sind als weibliche. Auch die Vorbilder der Skater-Community und auch die Skatelehrer sind an den durch uns besuchten Orten größtenteils männlich.
Die Identifikation als Subkultur der Skaterszene äußert sich auch darin, dass man nicht immer bereit ist, den offiziellen Weg zu gehen. Manchmal werden einfach Fakten geschaffen, zum Beispiel, wenn Skateanlagen gebaut werden und man sich erst nachträglich um eine Genehmigung bemüht. Dies scheint aber von Ort zu Ort und je nach vorhandenen  AnsprechpartnerInnen auf städtischer Seite auch sehr unterschiedlich gehandhabt zu werden.

Vorgehensweise bei den Befragungen

Da die meisten unserer Befragten noch nicht volljährig waren, haben wir uns größtenteils auf anonyme Toninterviews beschränkt. Die Kontaktaufnahme erfolgte über Vertrauenspersonen des Jugendtreffs Berchen und des Vereins „Board Spirit Marseille“. Auf diese Weise haben die Jugendlichen weitgehend unvoreingenommen mit uns gesprochen. Die Interviews waren etwa 5 bis 20 Minuten lang; sie folgten nur sehr grob dem vorab ausgearbeiteten Schema. Wichtiger als die wissenschaftliche Herangehensweise erschien uns das gute Eingehen auf die jeweiligen InterviewpartnerInnen, die aufgrund unterschiedlichen Alters und Hintergrunds nicht immer alle Fragen mit der gleichen Tiefe hätten beantworten können. Insbesondere hat es sich in Marseille als schwierig erwiesen, binnen eineinhalb uns zur Verfügung stehender Tage eine ähnlich hohe Diversität bei den Interviewpartnern zu erzielen, wie in Konstanz: Tag 1 war in Marseille aufgrund eines großen Gewitters für die Ansprache von SkaterInnen verloren, er diente einzig der Kontaktaufnahme mit einem Vertreter von Board Spirit Marseille. Tag 2 konnte jedoch für vier Interviews genutzt werden.

Bei unseren Interviews handelt es sich also nur um kleine Einblicke in die Lebenswelt der interviewten Jugendlichen.

Deutsch-Französischer Zukunftsdialog 2018 | In Marseille lernen bereits die Kleinsten das Skaten

2. Die Ergebnisse der Interviews

Im öffentlichen Diskurs hört man oft, dass die Jugendlichen von heute sich nicht mehr engagieren oder für Politik interessieren würden – vielmehr seien sie weitgehend unpolitisch am Handy und in den sozialen Netzwerken unterwegs. Unsere Interviews haben anderes gezeigt: Die von uns interviewten Jugendlichen im Alter von 12 bis 29 wissen durchaus, wie man sich für gemeinsame Aktivitäten zusammenfindet und organisiert. Dabei geht es oft zunächst darum, eine Freizeitaktivität für sich zu finden – dass man sich für das erfolgreiche Ausüben der Aktivität teils auch gezielt als Gruppe zusammentun muss, um zum Beispiel Events zu organisieren oder Skateanlagen zu bauen, kommt dann wie von selbst.

Gegenseitige Hilfe und Solidarität waren allen Befragten wichtig, egal ob in der Skatercommunity oder auch bei der Hausaufgabenhilfe und der Organisation von Veranstaltungen in den Jugendtreffs. In den Strukturen der Jugendtreffs lernen die Jugendlichen, sich selbst einzuschätzen und Schritt für Schritt Verantwortung zu übernehmen. Die jüngeren unserer Interviewpartner fühlten sich somit eher noch als „Nutzerinnen und Nutzern“, bei den Älteren war dagegen bereits ein größeres Bewusstsein für die eigene Rolle vorhanden. Insgesamt wurde von den Jugendlichen ihr interkulturelles Umfeld als eine Bereicherung wahrgenommen. 

Während von unseren InterviewpartnerInnen das „Selbermachen“ auf einer lokalen Ebene in der Regel als die effizienteste Möglichkeit der Einflussnahme hervorgehoben wurde, wurde die Einflussnahme über gewählte VolksvertreterInnen als eher nebensächlich eingeschätzt. Entweder bestand hierfür kein Interesse oder aber es bestand der Eindruck, dass man über derartig „verschlungene Wege“ ohnehin nicht viel bewegen könne. Nur vereinzelt wurde geäußert, dass wählen wichtig sei, insbesondere um der extremen Rechten Einhalt zu gebieten. Diese Aussagen müssen jedoch auch vor dem Hintergrund betrachtet werden, dass weit über die Hälfte der Interviewten noch unter 18 waren und so noch gar nicht wählen durften.

Deutsch-Französischer Zukunftsdialog 2018 | Mario ist Mitglied eines selbstorganisierten Jugendtreffs in Singen

Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse stellt sich die Frage, wie man das lokale Engagement und die auf dieser Ebene vorhandene Motivation der Jugendlichen auch auf weitere Ebenen übertragen kann. Bisher scheint dies nicht gut zu funktionieren und auch die PolitikerInnen, welchen wir unsere Ergebnisse im Oktober 2018 präsentieren durften, scheinen auf diese Frage noch keine ausreichend überzeugende Antwort gefunden zu haben.

3. Persönlicher Rückblick

Das Programm des diesjährigen Zukunftsdialogs erlaubte es uns, sehr direkt mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Uns wird unser Ausgangsthema – der Vertrauensverlust in die Politik und in Europa – oft nur in Form von Umfrage- und Wahlergebnissen, sowie den daraus resultierenden Kommentaren und Studien widergespiegelt. Die Aufgabe, Interviews mit unserer jeweiligen Zielgruppe zu führen, ermöglichte es uns nun, das Thema aus einem ganz anderen Blickwinkel zu betrachten.

Die Erfahrungen, die wir dabei gemacht haben, haben unsere Erwartungen weit übertroffen. Es war im Voraus nicht abzusehen, dass wir unter den insgesamt doch eher zufällig ausgewählten Jugendlichen so viele Personen finden, die sich engagieren und die bereitwillig und sehr persönlich Auskunft über sich gegeben haben. Die Inhalte der Gespräche zeigen, dass die interviewten Personen sich aktiv in die Gesellschaft einbringen. Wir leiten aus diesen Gesprächen insbesondere zwei Erkenntnisse ab, von denen uns bewusst geworden ist, wie wichtig sie für die Förderung demokratischer Strukturen sind:

Erstens:  In selbstorganisierten Gruppen kann im Kleinen mit Ideen und Utopien experimentiert werden, von denen Strahlkraft auf die Gesellschaft als Ganzes ausgehen kann. Wir sollten das Potenzial selbstorganisierter Gruppen besser nutzen, indem diesen z.B. mehr Freiräume und Entfaltungsmöglichkeiten gegeben werden.

Zweitens: Verschiedenartige Orte der Begegnung dienen dazu, dass Menschen aufeinandertreffen, die sich sonst nicht begegnet wären. Wenn Menschen in unterschiedlichen Kontexten aufeinandertreffen und sich dabei kennenlernen, schafft das Verständnis für den anderen und baut Vorurteile ab. 

4. Einige Zitate


Einerseits ist man gewollt, weil man Kulturarbeit macht, andererseits ist man ein Dorn im Auge, weil es selbstverwaltet ist und Krach macht und anders ist als die Norm.“

„Ich bin seit Jahren nicht wählen gegangen. Jetzt, weil die AfD so stark war, habe ich Die Partei gewählt. Aber ich halte davon allgemein nicht viel. Ich finde, das sollte alles im Kleinen von unten organisiert werden. Wenn jede Kommune, jedes Viertel, jedes Wohnhaus sein Zeug selbst organisiert, geht glaube ich viel mehr, als wenn man versucht, ein großes Programm aufzuziehen.“


Mario, 26

„Der Jugendtreff ist mein zweites Zuhause.“


Luana, 17

„Man kann [im Jugendtreff] neue Kontakte knüpfen und von seinen Problemen erzählen […] Es bleibt ja hier, was man bespricht.“


„Es gibt ja viele Nationen untereinander. Ich habe ja selbst auch Migrationshintergrund.“


Aziz, 21

„Ich fahre mit dem Bus hierhin. In meinem Viertel gibt es kein vergleichbares Angebot.“


Gaia, 14

5. Danksagung

Dass wir überhaupt erfolgreich Kontakt mit den interviewten Jugendlichen aufbauen konnten, verdanken wir maßgeblich den Repräsentanten des Jugendtreffs Berchen und von Board Spirit Marseille: Vielen Dank, dass ihr uns gegenüber so offen gewesen seid und dass ihr euer Vertrauensverhältnis zu den Jugendlichen eingesetzt habt, um uns die Interviews zu ermöglichen!

Außerdem möchten wir der Robert-Bosch-Stiftung und den Organisatorinnen und Organisatoren des deutsch-französischen Zukunftsdialogs unseren Dank aussprechen – ohne euch wären wir nicht auf die Idee gekommen, ein derartiges Interviewprojekt durchzuführen.

Weitere Zitate zum Download:

„Zusammenfassung der Interviews“

Dieser Beitrag ist im Rahmen des Projektjahres 2018 entstanden. Um die Gründe für den wachsenden Vertrauensverlust vieler europäischer Bürger in die Politik besser zu verstehen, verwirklichten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in deutsch-französischen Arbeitsgruppen eigene Projekte. So kamen sie mit ganz unterschiedlichen Personengruppen ins Gespräch über Demokratie und Europa.