Diversität in der EU

Wie sich Menschen mit Migrationshintergrund für Europa engagieren

von Andreas Holzinger, Grégoire Martin-Lauzer und Lea-Verena Meingast

Illustration: Sathya Schlösser

Von B wie Bulgarien bis Z wie Zypern: 28 Länder sind Teil der Europäischen Union (EU). Sie haben sich zusammengeschlossen, um sich gemeinsam für Frieden und Wohlstand einzusetzen – trotz der Unterschiede, die sich aus ihren vielfältigen Sprachen, Traditionen und Kulturen ergeben.

Eine Vielfalt, die auch die europäische Identität kennzeichnet. Denn in Europa leben Menschen, die nicht hier geboren wurden, deren kulturelle Wurzeln ganz oder teilweise außereuropäisch sind, und die man als „Extra-Europäer*innen“ bezeichnen könnte. Die auf Verschiedenheit und deren Akzeptanz beruhende europäische Identität wird durch diese anderen kulturellen Einflüsse bereichert. Und einige der Menschen mit außereuropäischem Migrationshintergrund haben sich dafür entschieden, sich aktiv für das europäische Projekt einzusetzen.

Das wirft die folgende Frage auf: Welche Bedeutung hat die europäische Identität für diese Menschen?

[ Wie viel Diversität in den EU-Institutionen wirklich herrscht , haben wir im Anschluss in einem Video zusammengestellt ]

Europäer*in sein – eine Identität, die niemanden gleichgültig lässt

Vielleicht fällt es Menschen, die nicht aus einem EU-Mitgliedsstaat stammen, dennoch leicht, sich mit Europa verbunden zu fühlen, weil die Geschichte so vieler Länder eng mit der des alten Kontinents verwoben ist. Für Dan Sobovitz, der in Israel geboren wurde und dort aufwuchs, bevor er nach Europa kam und für die EU-Kommission arbeitete, ergibt sich die Verbundenheit mit Europa aus seiner Familiengeschichte: Drei seiner Großeltern wurden hier geboren und haben den Holocaust überlebt, der vierte, der in Israel zur Welt kam, stammt aus einer jüdischen Familie, die im 15. Jahrhundert der Vertreibung der Juden von der Iberischen Halbinsel zum Opfer fiel.

Auch für Shada Islam, Expertin für europäisch-asiatische Beziehungen und bei der Stiftung Friends of Europe tätig, existiert eine eindeutige Resonanz zwischen der Geschichte Europas und der ihres Heimatlandes. Ihre Familie kommt aus Pakistan, das im 19. Jahrhundert zu Britisch-Indien gehörte und bis heute durch die Konflikte dieses kolonialen Erbes geprägt ist. Der erbitterte Grenzstreit zwischen Pakistan und seinem großen indischen Nachbarn, der mehrere Kriege verursachte, ähnelt in ihren Augen der Geschichte der EU-Mitgliedsstaaten. Die Europa-Abgeordnete Pierrette Herzberger-Fofana bringt es ganz explizit auf den Punkt: „Die Geschichte Europas ist eng mit der meines Heimatkontinents Afrika verbunden. Ich denke dabei insbesondere an die tausenden afrikanischen Soldaten, die auf den Schlachtfeldern Europas ihr Leben geopfert haben, um uns vom Joch des Naziregimes zu befreien.“ Vor demselben Hintergrund erklärt Shada Islam das Interesse, welches Europa jenseits seiner Grenzen weckt: „Der europäische Einigungsprozess ist ein einzigartiges Experiment, das von Ländern außerhalb der EU meist mit Neugier, manchmal mit Verachtung, häufig jedoch mit Bewunderung beobachtet wird. Europa lässt niemanden gleichgültig, weil es für ganz bestimmte Werte steht.“

Europa als Wertegemeinschaft

Für den Brasilianer Fernando Aguiar ist die EU eine Gemeinschaft, die er für ihre Werte wie Freiheit, Gleichheit und Toleranz bewundert. Der 30-Jährige studierte zunächst International Business in Brasilien und verbrachte ein Erasmus-Auslandssemester zu International Business and Culture im niederländischen Rotterdam. Danach ging er wieder nach Brasilien, entschied sich dann jedoch dafür, nach Europa zurückzukehren. Er schloss das Masterstudium International Conflict and Security an der Universität in Kent im Südosten Englands ab und wollte in Europa leben und arbeiten – eine Art wertbedingte Migration. “Ich wollte mich von den konservativen Werten, vor allem den patriarchalischen Zügen der brasilianischen Gesellschaft distanzieren”, sagt er. Heute lebt Fernando Aguiar in Brüssel und ist – nach einiger Zeit in den EU-Institutionen – als strategischer Berater in Organisationen tätig, die mit diesen Institutionen zusammenarbeiten.

Auch für EU-Abgeordnete Pierrette Herzberger-Fofana stehen die gemeinsamen Werte im Vordergrund: „Meiner Meinung nach hat europäische Identität nichts mit der Hautfarbe zu tun, sondern mit den Werten, die wir teilen.“ Ihre Kinder seien sowohl europäisch als auch afrikanisch. Die 70-Jährige erzählt, sie habe ihnen nicht deutsche oder afrikanische Werte beigebracht, sondern universelle. Die im Senegal aufgewachsene deutsche Politikerin findet, dass die Menschen lernen sollten, sich gegenseitig anzunehmen – ungeachtet ihrer Unterschiede, was Aussehen, Gender, Glaubenszugehörigkeit oder sexuelle Orientierung betrifft. In ihren Augen sind multikulturelle Identitäten Vorteil und Bereicherung. „Wir müssen danach streben, in einer Gesellschaft zu leben, in der die Menschenrechte aller respektiert werden. Für mich ist das europäische Projekt ein Weg, um dieses Ziel zu erreichen“, sagt sie.

Thomas Huddlestons Faszination für Europa begann schon sehr früh. Für den jungen US-Amerikaner waren – neben seiner kulturellen Begeisterung – die ersten Antidiskriminierungsgesetze in den 2000er Jahren ausschlaggebend für seine Unterstützung des europäischen Projekts. Auch in seinem Fall könnte man von wertebedingter Migration sprechen. Seine US-amerikanische Identität bedeute ihm wenig, vielmehr begeistere er sich für die europäische Geschichte und Kultur. Früher schämte er sich fast dafür, aus den USA zu kommen, weshalb er sich eine Zeit lang sogar bemühte, seinen amerikanischen Akzent zu verbergen.

Eine postnationale EU?

Für Dan Sobovitz beruht die europäische Wertegemeinschaft zuallererst auf der Überwindung des Nationalismus. Er hebt hervor, dass die Geschichte Europas in gewisser Weise ein Spiegelbild der Geschichte seines Herkunftslandes sei: „Für die Gründungsväter Israels, die den Holocaust überlebt hatten, war der Nationalstaat die Lösung, in den Augen der europäischen Gründerväter hingegen war er das Problem. Ich urteile nicht über diejenigen, die sich wie meine Großeltern nach dem Zweiten Weltkrieg in Israel niedergelassen haben und am Aufbau der israelischen Nation beteiligt waren – die historischen Umstände erklären das natürlich. Aber ich persönlich denke, dass das nationalstaatliche Modell sehr viel mehr Probleme generiert als Lösungen.“

Der europäische Einigungsprozess basiert auf einem „post-nationalen“ Modell, und genau damit identifiziert sich Dan. Durch Beantragung der ungarischen Staatsbürgerschaft konnte er einen europäischen Pass erlangen. Ungarn hat sich, wie andere osteuropäische Länder, nach dem Zweiten Weltkrieg dafür entschieden, den Nachfahren jüdischer Geflüchteter die Staatsangehörigkeit des Landes zu gewähren, aus dem ihre Vorfahren fliehen mussten. Dan spricht nicht Ungarisch und verspürt auch keine besondere kulturelle Verbundenheit mit dem Land. Aber die Beantragung der ungarischen Staatsangehörigkeit gab ihm die Möglichkeit, die europäische Staatsbürgerschaft zu erlangen, wie ihm sehr wichtig ist.

Für Menschen, die selbst nicht in einem europäischen Land aufgewachsen sind, bedeutet die Überwindung des Nationalismus, die im Zentrum des europäischen Projekts steht, eine Chance. So fühlt sich Dan Sobovitz trotz seines ungarischen Passes nicht als Ungar, weil er keinen besonderen Zugang zur ungarischen Kultur hat – sich als Europäer zu bezeichnen, fällt ihm hingegen leicht. Thomas Huddleston, Forschungsdirektor der Migration Policy Group in Brüssel, stammt ursprünglich aus den USA. Er stellt fest, dass viele in Europa geborene Menschen sich nicht zuallererst als Europäer*innen begreifen, sondern als Staatsangehörige des Landes, in dem sie leben. Im Vergleich dazu fiele es Menschen mit außereuropäischem Migrationshintergrund leichter, sich als Europäer*innen zu bezeichnen. Es komme sogar vor, dass sie bemüht seien, europäischer aufzutreten als viele Europäer*innen, um dadurch ihre Zugehörigkeit zur Wertegemeinschaft zu signalisieren. Dan Sobovitz bezeichnet dieses Phänomen scherzhaft als „Migranten-Syndrom“ und gibt zu, selbst ein wenig darunter zu leiden.

Thomas Huddleston, der seit mehreren Jahren in Brüssel lebt, identifiziert sich mittlerweile eher mit der Stadt Brüssel als mit Belgien oder seinem Herkunftsland USA. Für ihn steht allerdings auch fest: Sich für das europäische Projekt einzusetzen ist kein Freibrief für politische Apathie auf lokaler Ebene. Auch alle in Brüssel lebenden Einwanderer seien Migrant*innen, die sich als solche für Belgiens Landes- und Kommunalpolitik interessieren dürften.

Diversität als Chance

Für Shada Islam, die kürzlich vom Online-Nachrichtenportal Politico als „the ultimate insider outsider“ (die ultimative Insider-Außenseiterin) und eine der einflussreichsten Frauen in Brüssel designiert wurde, stellen die außereuropäischen Herkunftskulturen der Migrant*innen eine Chance für Europa dar. Und sie muss es wissen, schließlich erforscht sie seit mehreren Jahren die europäisch-asiatischen Beziehungen. Auch Shada bekräftigt ihre tiefe Verbundenheit mit dem europäischen Projekt, merkt jedoch zugleich an, dass sie sich nie von ihren asiatischen Wurzeln abgewandt habe. „Wenn Sie andere Länder verstehen, bringen Sie etwas Zusätzliches in die europäische Debatte ein“, findet sie. Das sieht auch Dan Sobovitz so: Nicht in Europa geboren zu sein, habe ihm zweifellos bei seiner Arbeit als Kommunikationsberater für den Vizepräsidenten der EU-Kommission geholfen:

Ich versuche, Europa so zu erklären, dass jeder es verstehen kann, auch Menschen, die es nicht gut kennen.

Dan Sobovitz

Identitäten seien nicht selten exklusiv und die EU solle die positiven Narrative der Diversität auch in Taten umsetzen, findet Islam. Die positive Komplementarität verschiedener Identitäten müsse stärker anerkannt werden, um eine hierarchische Abstufung von Menschen aufgrund einzelner, negativ konnotierter Identitäten zu verhindern. Denn nicht immer wird der außereuropäische Migrationshintergrund positiv wahrgenommen. So habe eine Mitarbeiterin der Abgeordneten Pierrette Herzberger-Fofana aufgrund ihrer Herkunft Diskriminierung erfahren: Ihre Anwesenheit im Parlament sei infrage gestellt worden. Mehrfach habe man sie bei Meetings gefragt, was sie dort mache. Auch Mohammed Chahim, niederländischer EU-Abgeordneter mit marokkanischen Wurzeln, erlebte bereits mehrfach, dass Menschen überrascht auf seine Zugehörigkeit zum EU-Parlament reagierten.

Der aus Brasilien stammende Fernando Aguiar wiederum hat die Erfahrung gemacht, dass es von Vorteil ist, hellhäutig zu sein, um sich in die europäische Gesellschaft zu integrieren: „Ich werde oft für einen Portugiesen gehalten, und tatsächlich hat meine Familie auch Wurzeln in Portugal.“ Er wurde aber auch schon mehrmals mit dem negativen Stereotyp des „Wirtschaftsflüchtlings“ konfrontiert und zum Beispiel gefragt, warum er in Europa sei, wo er anderen den Job wegnehme. Auch Thomas Huddleston gibt zu, dass es ein Vorteil sei, aufgrund seiner Hautfarbe „durchrutschen“ zu können und sich dadurch „in die sehr weiße EU-Elite einzufügen, die Brüssel führt“. Als Teil dieser weißen EU-Elite wahrgenommen zu werden vereinfache Leben, Arbeit und Umgang.

Neben der Herkunft ist auch der soziale Status ein Thema. Fernando Aguiar findet, dass es im EU-Kontext diesbezüglich an Diversität mangele:

Alle, die hier arbeiten, sind privilegiert und haben einen ähnlichen beruflichen Werdegang, der ohne die finanzielle Unterstützung ihrer Eltern nicht möglich gewesen wäre.

Fernando Aguiar

Shada Islam ihrerseits legt Wert auf die Feststellung, dass ihre Herkunft nie ein ernsthaftes Problem dargestellt habe. Sie fügt jedoch hinzu, ihr Fall sei möglicherweise nicht repräsentativ und erklärt, es handele sich zweifellos um eine Generationenfrage: Seit dem 11. September 2001 habe sich der Blick auf die Einwanderungsfrage stark verändert, und es sei für die jungen Migranten heute nicht mehr so einfach wie früher, sich in Europa zu integrieren. In diesem Zusammenhang bedauert Shada Islam, dass heute vom „Schutz unseres europäischen Lebensstils“ die Rede sei, und bezieht sich damit auf die von der neuen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vorgeschlagene Bezeichnung für das Ressort des Kommissars für Migrations- und Asylfragen. Eine solche Wortwahl lasse fehlende Sensibilität für die Komplexität der europäischen Identität erkennen.

Die Offenheit des europäischen Projekts wird also nicht von allen in gleichem Maße erlebt. Thomas Huddleston hebt hervor, dass die Bürokratie rund um die EU-Institutionen eine Art „Pförtner“-Funktion erfülle. Wer eine Karriere in den EU-Institutionen anstrebe, solle so früh wie möglich mit der Vorbereitung beginnen – etwa durch das Erlernen von Fremdsprachen oder die Wahl des richtigen Studiengangs. Er betont, dass die Mitgestaltung des europäischen Projekts ein Karriereweg sei, der in jungen Jahren begonnen werden müsse. Und dass dabei nicht alle die gleichen Chancen hätten.

Diversität in den EU-Institutionen

von Andreas Holzinger und Lea-Verena Meingast

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Diversität in den EU-Institutionen, Illustration & Animation: Sathya Schlösser

Seit 1999 existiert die Anti-Racism and Diversity Intergroup (ARDI) des Europäischen Parlaments. Neben anderen Aufgaben ist sie auch Ansprechpartner für Betroffene von Diskriminierungen. Seit rechtspopulistische Parteien bei der Europawahl 2014 deutlichen Zuwachs bekamen, haben die Mitglieder des Europäischen Parlaments ihre Anti-Rassismus-Arbeit verstärkt. Dadurch erhielt die Intergroup die finanziellen Mittel, um die Stelle eines Koordinators oder einer Koordinatorin zu besetzen. „Bisher wurden mir keine Fälle von Diskriminierung zur Kenntnis gebracht – wahrscheinlich auch, weil die Menschen Angst haben und weil hier nicht viele Minderheiten arbeiten“, sagt, ARDI-Koordinator Alfiaz Vaiya.

Rund 100 Abgeordnete des Europäischen Parlaments sind Mitglied der Intergroup. Sie setzt sich im Europäischen Parlament und auf allen Ebenen der EU-Politik gegen Rassismus und „Hate Speech“ ein –sowie gegen jede Form der Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Religionszugehörigkeit, sexueller Orientierung, Alter, Geschlecht oder Behinderung. Der Fokus der Arbeit liegt auf Strategien gegen Afrophobie, Roma-Feindlichkeit, Antisemitismus und Islamophobie.

Diversität fehle schlichtweg in den EU-Institutionen, findet Parlamentsabgeordnete Pierrette Herzberger-Fofana: “Ich war äußerst zufrieden, als Ursula von der Leyen als neue Kommissionspräsidentin, die erste paritätisch besetzte Kommission vorstellte. Darauf kann sie stolz sein.” Allerdings sei wichtig, dass es bei Diversität nicht nur um die Frage der Geschlechterverteilung gehe, sagt Herzberger-Fofana:

„Menschen mit verschiedenen Hautfarben, Glaubensrichtungen und Fähigkeiten sowie verschiedener sozio-ökonomischer Herkunft und sexueller Orientierung machen unseren Kontinent so stark. Diese hohe Diversität muss in den Institutionen repräsentiert sein, bis in die Führungsebene.“

Pierrette Herzberger-Fofana