Europäischer Feminismus?

Von Maxime Boitieux, Léa Briand, Carmen Descamps, Anne-Katrin Linde und Martin Rissmann 

Das vollständige Magazin mit allen Interviews und Beiträgen gibt es hier zum Download:


Dieses Magazin ist Teil eines Gruppenprojekts des Deutsch-Französischen Zukunftsdialogs 2019, einer gemeinsamen Initiative der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), des Institut français des relations internationales (Ifri) und der Robert Bosch Stiftung. Im Zentrum des Zukunftsdialogs 2019 stand das Thema „europäische Identität(en)“.

Die Teilnehmer*innen aus Frankreich, Deutschland und Rumänien fanden sich in Gruppen zusammen, um sich mit unterschiedlichen Aspekten rund um europäische Identität(en) zu befassen. Beim ersten Zusammentreffen unserer Arbeitsgruppe hatten wir uns noch nicht auf das Thema Feminismus festgelegt. Aber uns bewegte ein Gedanke besonders: Der Begriff der „europäischen Identität(en)“ war für uns nicht zuallererst mit den EU-Institutionen oder ihren Führungskräften verbunden, sondern weckte vor allem Assoziationen mit diversen Identitäten, welche von den Bürger*innen Europas getragen werden und damit ein  zivilgesellschaftliches Phänomen sind.

Diese Herangehensweise ist vermutlich symptomatisch für ein gewisses Misstrauen der europäischen Bevölkerung gegenüber den EU-Institutionen, oder entspringt zumindest dem Wunsch, sich eher dafür zu interessieren, was die europäischen Gesellschaften – jenseits von parteipolitischen Interessen – zusammenhält als für das, was sie spaltet.

Weil sich einige von uns sich selber als Feminist*innen definieren, aber auch weil das Thema der Geschlechtergleichstellung seit dem Beginn der #MeToo-Bewegung im Oktober 2017 ins Zentrum der gesellschaftlichen Debatte gerückt ist, setzte sich das Thema Feminismus innerhalb unseres Teams schnell durch. Dieses Thema wurde in den letzten Jahren von den Medien intensiv behandelt: Lohngleichheit, „Mental Load“ (die Gesamtsumme der materiellen und immateriellen, sichtbaren und unsichtbaren Haushaltsaufgaben, die oft von Frauen übernommen werden), das Recht auf Abtreibung, Zugang zur künstlichen Befruchtung, Ehe für alle, das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper, Gewalt gegen Frauen, Anerkennung von Transidentitäten, Prostitution oder Elternzeit…  Ob durch Gesetzesänderungen oder wachsendes Bewusstsein durch gesellschaftliche Debatten – diese bislang außerhalb von feministischen Kreisen wenig beachteten Fragen haben eine Demokratisierung erfahren.

Ähneln sich diese häufig von denselben Theoretiker*innen beeinflussten Debatten in den verschiedenen europäischen Ländern? Informieren sich die Meinungsführer*innen über Entwicklungen in den EU-Nachbarstaaten? Und sind die Forderungen nach mehr Gleichberechtigung und die in diesem Bereich erzielten Fortschritte in den einzelnen EU-Mitgliedsländern miteinander vergleichbar? Das waren einige der Fragen, die wir uns zu Beginn unseres Projektes gestellt haben. Die Kernfrage, die wir – Vorsicht Spoiler – nicht beantworten werden, hat sich uns quasi aufgedrängt und ist bewusst ehrgeizig und sehr weit gefasst: Gibt es einen europäischen Feminismus?

Unsere ursprüngliche Idee bestand darin, uns mit den Diskursen der als feministisch eingestuften Medien in Europa zu beschäftigen. Sie erschienen uns aufgrund ihrer Rolle als Multiplikatoren und Meinungsmacher als ein geeigneter Ausgangspunkt für unsere Analyse. Nachdem wir von den Redaktionen jedoch keine positiven Rückmeldungen erhielten, beschlossen wir, uns eher auf Einzelpersonen zu konzentrieren, und zwar solche, die durch ihr Engagement, ihre Arbeit und/oder ihre Überzeugungen mit feministischen Themen in Berührung kommen. So haben wir letztlich einen sehr viel direkteren und persönlicheren Zugang zu unserer Fragestellung gefunden, als es durch die Betrachtung des medialen Diskurses möglich gewesen wäre. Als deutsch-französische Gruppe haben wir unsere Betrachtung größtenteils auf diese beiden Länder beschränkt. Für uns stand fest, dass wir die Eindrücke und Einschätzungen der Expert*innen mittels soziologischer Interviews einfangen wollten. Denn was läge im Zusammenhang mit einem im Wandel begriffenen Thema wie dem der „Identität(en)“ näher, als nach persönlichen Eindrücken zu fragen?

Es bedurfte jedoch auch theoretischer Grundlagen, um den Begriff des Feminismus für uns genau zu definieren. Diese Notwendigkeit brachte uns auf die Idee, unsere Untersuchung zu erweitern: Eine Bewegung, das öffentliche Bewusstsein oder eine gesellschaftliche Debatte werden nicht allein von Expert*innen getragen, sondern von den Bürger*innen selbst. Dies gilt umso mehr angesichts unserer Vorannahme einer Demokratisierung von Fragen der Gleichberechtigung.

Wir haben deshalb auch Freund*innen und Kolleg*innen – kurzum unsere persönlichen Netzwerke – gebeten, sich zu dieser Debatte zu äußern sowie zu der Frage, ob sie je einen gedanklichen Zusammenhang zwischen den  Begriffen Feminismus und Europa hergestellt haben.

Wir wollten außerdem andere – vielleicht künstlerische und kreativere, aber nicht minder wichtige – Ansätze verfolgen und griffen hierzu auf Musikstücke und die Titelseiten von Magazinen und Zeitungen zurück, die sich mit dem Thema befasst haben. Auch das sind Antworten, ganz genau wie die Antworten der Expert*innen, Freund*innen oder anderen Teilnehmer*innen des Zukunftsdialogs 2019 auf unsere Fragen.

Wir sind stolz, die vorliegenden Ergebnisse präsentieren zu können. Sie sind jedoch weit davon entfernt, das Thema umfassend zu behandeln. Sie sind das Produkt einer sehr harmonischen Zusammenarbeit von fünf Autor*innen, mit Projektphasen in Arc-en-Senans (Frankreich), Cluj (Rumänien) und Bad Belzig (Deutschland). Als Vollzeitbeschäftigte, die in verschiedenen europäischen Ländern leben, und als wissenschaftliche Laien hatten wir nicht den Anspruch, alle Fragen zum Feminismus zu beantworten. Unser Ziel ist es vielmehr, unterschiedliche Denkweisen aufzuzeigen: Sie verbinden verschiedene europäische Blickwinkel mit sehr persönlichen Perspektiven auf das Thema. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen!