Mehr Sprachen, mehr Europa?

Von Tobias Geissler, Wiebke Janssen und Hélène Pestel  

Mehrsprachigkeit spielt in unserem persönlichen Alltag eine wichtige Rolle. Denn für uns ist Sprache eng mit der Entstehung eines europäischen Gemeinschaftsgefühls verbunden. Deshalb wollten wir die Frage nach europäischer Identität unter diesem positiven Gesichtspunkt behandeln: Warum entscheiden sich viele Europäer*innen dafür, die Sprachen anderer EU-Mitgliedsstaaten zu lernen? Wird dadurch ein Zusammengehörigkeitsgefühl gefördert? Und trägt die Mehrsprachigkeit der Europäer*innen dazu bei, dass sie sich mit der europäischen Idee identifizieren? 

Präsentation unseres Projekts während des Abschlussseminars am 28.09.2019 in der Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen beim Bund in Berlin. Auf dem Poster sind exemplarisch sieben unserer Gesprächspartner*innen porträtiert.

Im Rahmen unseres Projekts kamen wir mit vielen unterschiedlichen Menschen in Kontakt, die eine große Vielfalt an Fremdsprachen erlernen

Wir sind der Frage nachgegangen, ob es einen Bezug zwischen Mehrsprachigkeit und europäischer Identität gibt und wie sich dieser äußert. Dazu haben wir 26 Personen zwischen 20 und 81 Jahren in Deutschland, Frankreich und Rumänien befragt, die eine oder mehrere europäische Fremdsprachen lernen bzw. gelernt haben. Die Auswahl der Interviewpartner*innen erfolgte über Sprachkurse an Kulturinstituten und Volkshochschulen, fremdsprachliche Fakultäten an Universitäten, Sprachtandembörsen in den sozialen Netzwerken und über persönliche Kontakte. Unser Anliegen war es, auch Lerner*innen seltener Sprachen zu ihrer Motivation zu befragen.

Die Auswertung der soziologischen Daten unserer Gesprächspartner*innen zeigt eine Dominanz weiblicher Lernender (85 % weiblich, 15 % männlich), aber eine verhältnismäßig repräsentative Altersstruktur: 46 % der Befragten waren jünger als 30 Jahre, 42 % zwischen 30 und 60 Jahren und 12 % über 60 Jahre alt.  

Abb. 1: Geschlechter- und Altersverteilung der interviewten Personen 

Etwas mehr als die Hälfte (54 %) der Befragten waren Deutsche, 35 % Franzosen, 15 % hatten die rumänische Staatsbürgerschaft und jeweils eine Person die bulgarische, polnische bzw. dänische. Vier unserer Interviewpartner besaßen eine doppelte Staatsbürgerschaft. 

Abb. 2: Nationalitäten der interviewten Personen 

Alle unserer Gesprächspartner*innen gaben an, sich in mehreren Sprachen ausdrücken zu können. Englisch war dabei die am häufigsten genannte Sprache (96 %), gefolgt von Französisch (81 %), Deutsch (62 %) und Spanisch (50 %). Diese Reihung entspricht unseren Erwartungen sowie den Resultaten verschiedener Eurostat-Erhebungen zu den meistgesprochenen Sprachen in Europa.  

Der hohe Anteil an Frankophonen lässt sich mit der relativ großen Zahl von deutschen Befragten begründen. Französisch ist in Deutschland bekanntermaßen eine beliebte Fremdsprache. 

Beeindruckend ist die enorme Vielfalt von eher selten gelernten Sprachen wie Niederländisch, Polnisch, Schwedisch, Bulgarisch, Finnisch, Katalanisch, Norwegisch, Okzitanisch, Tschechisch oder Ungarisch in unserem Sample (s. Abb. 3) und die Tatsache, dass es erstaunlich einfach war, Menschen zu finden, die diese Sprachen lernen. 

Abb. 3: Häufigkeit in % der genannten Fremdsprachen, in denen sich die Gesprächspartner*innen nach eigener Einschätzung ausdrücken können. Mehrfachnennungen waren möglich. 

Das Erlernen von Fremdsprachen betrachten viele Befragte als Hobby und persönliche Herausforderung

Viele unserer Interviewpartner*innen betreiben das Sprachen lernen als Hobby. Ein unmittelbarer Nutzen ist nicht zwangsläufig vorhanden oder vorgesehen. Ihre Motivation entspringt vor allem einem starken persönlichen Interesse für die jeweilige Sprache. Die 20-jährige Studentin Lara Sophie aus Deutschland etwa lernt einfach gerne Fremdsprachen”. So hat sie sich zum Beispiel – teils autodidaktisch –  bereits Koreanisch, Polnisch oder Griechisch angeeignet.

Das Erlernen einer Fremdsprache wird dabei auch als persönliche Herausforderung gesehen und oft mit beachtlicher Konsequenz verfolgt: Estelle (Lehrerin, 30, Frankreich) hat Polnisch zu ihrer Herausforderung gemacht, da sie „etwas ganz Neues” lernen wollte. Elisabeth aus Baden-Württemberg (Ärztin, 52) suchte eine Inspiration neben dem Beruf, entschied sich, unter anderem wegen der geographischen Nähe, für die französische Sprache und möchte nun „alle Kurse durchziehen”.

Anna (Linguistin, 37, Deutschland) interessiert sich neben anderen Sprachen besonders für Finnisch. Seit einem Studienaustausch, bei dem sie aktiv den Kontakt zu Einheimischen suchte, lernt sie nun mithilfe von Mediatheken und Büchern um ihr hohes Niveau zu halten.

Ornella (Arzthelferin, 48, Frankreich) lernt seit einem Jahr Dänisch und berichtet:

„Das ist meine persönliche Herausforderung, mein frischer Wind, meine Zuflucht…”

Johanna (Ingenieurin, 29, Deutschland) und der Deutsch-Franzose Yannik (Student, 28), die in ihrem Alltag berufs- und studienbedingt mit Sprachen zu tun haben, reizt die Systematik, vor allem beim Vergleichen unterschiedlicher Sprachen. Beide verfolgen eher einen intellektuellen Ansatz und finden es spannend, Sprachstrukturen zu ergründen.

Neben dem Lernen selbst ist der schnell sichtbare Fortschritt für viele Gesprächspartner eine weitere Motivation. So berichtet Cindy (Projektleiterin, 34) aus Frankreich, die seit einem Jahr Dänisch lernt: „Ich habe mich regelrecht in Dänemark verliebt und genieße es, die dänische Sprache zu lernen, selbst wenn es mir nicht unbedingt leichtfällt […]. Ich wollte eine neue persönliche Herausforderung. Also begann ich, mir einige grundlegende Begriffe mit einer App anzueignen und bekam Lust, tiefer einzusteigen. […] Ich bin sehr froh, dass ich mich getraut habe. Ich fahre mittlerweile regelmäßig nach Kopenhagen und es motiviert mich, die Sprache entschlüsseln zu können. Bei meinem letzten Besuch habe ich es sogar geschafft, ein kleines Gespräch mit einem Einheimischen zu führen.”

Sprachen können gezielt für die Karriere gelernt und verbessert werden
Manchmal entspringt dem Lernen von Sprachen entsteht durch das Erlernen einer Sprache aber auch erst der Wunsch, im Ausland zu arbeiten

Wenn es um das Erlernen von Fremdsprachen geht, spielen häufig auch berufliche Gründe eine Rolle. Die von uns befragten jungen Rumän*innen betrachten vor allem die englische Sprache als unabdingbar für den beruflichen Erfolg – interessanterweise sowohl für eine Karriere im Inland als auch im Ausland. Erwähnenswert ist an dieser Stelle auch ihr durchweg hohes Englisch-Niveau. Weitere Fremdsprachen dienen als zusätzliche Qualifikation, um sich von eventuellen Mitbewerber*innen abzuheben. So berichtet Daria aus Rumänien (Studentin, 20): „Bei uns wollen viele nach Deutschland, um dort im Gesundheitssektor zu arbeiten und müssen deshalb Deutsch lernen. In Frankreich ist es dasselbe. Und sogar, wenn man in Rumänien für internationale Unternehmen arbeiten will, sind Fremdsprachen sehr wichtig.” Auch Yannik möchte sich als angehender Romanist durch das Erlernen von möglichst vielen, auch alten und weniger verbreiteten, romanischen Sprachen breit aufstellen.

Die Französin Mélanie (Auszubildende, 30), die im Dänisch-Kurs zunächst auch nur eine intellektuelle Herausforderung suchte, plant mittlerweile sogar, nach Dänemark auszuwandern und betrachtet es als notwendig, gut Dänisch zu sprechen:

„Ich möchte auswandern, und die Landessprache zu sprechen, ist die beste Voraussetzung, um sich zu integrieren und leichter eine Arbeit zu finden.”

Auch Schlüsselerlebnisse und zufällige Ereignisse sind häufig eine starke Motivation

Ein nicht zu vernachlässigender Motivationsgrund für das Erlernen einer neuen sind unterschiedlichste persönliche Erfahrungen und Schlüsselerlebnisse. Fast alle unsere Gesprächspartner*innen hatten in diesem Zusammenhang eine persönliche Geschichte zu erzählen. 

Jean-Baptiste (Biologe, 53, Deutschland und Frankreich) kam im Rahmen eines europäischen Doktorand*innen-Austauschprogramms mit italienischen Studierenden in Kontakt und fing später an, Italienisch zu lernen. Estelle wollte im Alter von 8 Jahren mit ihrer deutschen Brieffreundin reden können, ohne ständig auf die Übersetzungshilfe ihrer Mutter angewiesen zu sein und begann deshalb, Deutsch zu lernen. Für Karoline (Betriebswirtin, 52, Deutschland) war ein Italienurlaub der Auslöser, Italienisch zu lernen, weil sie von Italienern gerettet und zum Essen eingeladen wurde, nachdem sie mit einem gemieteten Segelboot in eine versandete Hafeneinfahrt gefahren war. Den zweisprachig aufgewachsenen Yannik brachten Fußballzeitungen dazu, auch Französisch lesen lernen zu wollen. Und Alexandru (Student, 22, Rumänien) kam über Computerspiele zur englischen Sprache.

Sprache – gerne mit Kultur

Das Erlernen einer Fremdsprache erfordert eine Offenheit gegenüber Neuem. Die meisten unserer Gesprächspartner*innen empfinden die mit dem Fremdsprachenerwerb verknüpfte direkte Verbindung zur Kultur und Mentalität eines Landes als besonders reizvoll. Ornella schwärmt: „Es ist eine Bereicherung. Es bewirkt, dass wir uns füreinander und für unsere kulturellen und sprachlichen Unterschiede interessieren.”Für Grazyna (Illustratorin, 46, Deutschland und Polen) ist bei Fremdsprachen die zugehörige „Mentalität, also die Menschen, die dahinterstehen” wichtiger als die „Kultur”, die für sie „doch eher etwas Touristisches” hat.

Deutlich wird auch in Bezug zu Kultur, dass neben Englisch, Wert auf das Beherrschen weiterer Sprachen gelegt wird. Cindy zum Beispiel findet: „Es ist wichtig, zumindest Englisch zu sprechen, sowohl im Beruf als auch auf Reisen. Darüber hinaus macht es die Beherrschung fremder Sprachen leichter, andere Länder und Kulturen zu entdecken, vor allem aber auch die Begegnung und den Austausch der Völker untereinander. Das ist in meinen Augen ein unglaublicher Reichtum.”

„Sprachen sind der Spiegel der Kultur und der Mentalität der Menschen. Was eine Sprache nicht ausdrücken kann, wird auch nicht so gedacht”, meint Anna. Sprache transportiert also mehr als nur die reine Information, „Sprache ist der Weg zum Herzen”, wie es Elisabeth ausdrückt. Sie reflektiert, dass „70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg die Barrieren zwischen Deutschen und Franzosen gefallen sind. Das ist das Ergebnis des Engagements vieler Lehrer, Schüleraustauschprogramme und Städtepartnerschaften.” Elke (Chemikerin, 33) aus Deutschland, mit deutscher und dänischer Staatsbürgerschaft und derzeit in Dänemark wohnhaft, ergänzt, dass „es respektlos sei nicht zumindest zu versuchen, die lokale Sprache zu sprechen”. Aber auch mit begrenzten Sprachkenntnissen, „verstehen sich die Leute”, ist die Erfahrung von Karoline. „Italiener verstehen auch Brocken und freuen sich, wenn man ein bisschen Italienisch spricht; anders als bei Deutschen, die sofort das Bild vom Ausländer haben. Ansonsten heißt es: Geh mit in die Küche und schau an, was du essen willst” – oder man behilft sich mit Händen und Füßen. Es besteht also Einigkeit darüber, dass Sprache ein Element der Völkerverständigung ist. Die überdurchschnittliche Offenheit und Neugier unserer Gesprächspartner*innen gegenüber anderen Kulturen spiegelt sich auch in der Tatsache wider, dass viele von ihnen explizit Kulturinstitute für ihren Spracherwerb aufsuchen. Die einhellig positive Meinung hierzu lautet, dass dort, zusätzlich zum reinen Spracherwerb, ein besonderer Fokus auf kulturelle Aspekte gelegt werde.

Aus diesem Grund muss vor allem angesichts von Sparmaßnahmen im Bereich der Kulturförderung betont werden, dass die Arbeit der Kulturinstitute für die europäische Verständigung sehr wertvoll ist, sie wahrgenommen und geschätzt wird.

Auch wenn die Sprachenvielfalt in Europa sehr groß ist, besteht ein Bewusstsein für ein gemeinsames kulturelles Erbe. Ursula (Lehrerin, 76) aus Deutschland, fühlt sich in vielen europäischen Ländern zu Hause. Besonders faszinieren sie Kirchen, „da sie im Mittelalter als verbindendes Element dienten. In Italien sehen sie zwar anders aus als in Frankreich, aber trotzdem sind sie sehr ähnlich und nur der jeweiligen Landschaft angepasst”. Auch Elke sieht die kulturelle Bedeutung von Sprachen, und stellt in diesem Zusammenfang fest, dass “alte Sprachen wichtig seien, um Originaltexte zu verstehen auf denen unsere heutigen Gesellschaften beruhen.”

Reiseziel: Europa!

Wir haben unsere Interviewpartner*innen auch zum Thema Mobilität und Reisen im europäischen Raum befragt: Welcher Platz kommt dem Reisen in ihrem Leben zu und inwiefern hat es mit ihrem Interesse an Fremdsprachen zu tun?

Für die jungen Menschen, vor allem Studierende, ist es selbstverständlich, ins europäische Ausland zu reisen – sei es privat für den Urlaub oder im Rahmen ihres Studiums.

Julia (Studentin, 20, Deutschland) denkt bereits an ein Erasmus-Semester oder an Praktika im Ausland. Daria aus Rumänien möchte ein Teil ihres Studiums in Frankreich absolvieren und verbindet dieses Vorhaben explizit mit ihrem europäischen Zugehörigkeitsgefühl:

„Ich fühle mich als Europäerin. Ich bin nach Cluj-Napoca gekommen, weil es eine sehr europäische Stadt ist, die Studierenden viele Optionen bietet. Und ich möchte die Möglichkeit nutzen, im Ausland zu studieren, zum Beispiel über Erasmus.”

Annika (Studentin, 20, Deutschland), bereitet sich derzeit aktiv auf ihr Auslandssemester in Griechenland vor, indem sie Grundkenntnisse der griechischen Sprache erwirbt, und Lara Sophie plant auch schon, ihr gesamtes Masterstudium in Griechenland zu absolvieren. Fast alle reisen auch gerne privat in europäische Länder, wobei ihre Sprachkenntnisse häufig zum Einsatz kommen:

„Auf meiner Interrail-Tour durch Europa war es total schön, mit allen, die man da kennengelernt hat, von überall in der Welt, kommunizieren zu können – auf Englisch und auch ein bisschen auf Spanisch. Das fand ich total toll“, erzählt etwa Julia.

Mit Blick auf ihre persönlichen Erfahrungen unterstreicht Cindy die Bedeutung des Erasmus-Programms für die Offenheit gegenüber anderen und für den Fremdsprachenerwerb: „Ich hatte das Glück, am Erasmus-Programm teilzunehmen. Das war für mich eine unglaubliche Gelegenheit, meine Fremdsprachenkenntnisse zu verbessern, aber auch andere und mich selbst zu entdecken. Diese Möglichkeit sollte allen Europäer*innen offenstehen.”

Aber die Reiselust packt nicht nur junge Europäer*innen: Ursula aus Deutschland zum Beispiel unternimmt viele individuelle Reisen. Häufig ist das Reisen eine Motivation für den Fremdsprachenerwerb, auch um sich außerhalb von Touristengebieten bewegen zu können. Im Umkehrschluss merkt Johanna an: „Ohne Sprachkenntnisse bleibt einem beim Reisen viel vom Land und von der Kultur verborgen.”

Häufig stellen die Befragten aber nicht nur eine Verbindung zwischen dem Beherrschen von Fremdsprachen und der Möglichkeit, in Europa zu reisen her. Sie nehmen auch wahr, wie ihre eigene Mobilität dazu beiträgt, ihre europäische Identität zu prägen. So berichtet etwa Mélanie:

„Ich fühle mich ganz und gar als Europäerin. Ich reise innerhalb Europas, weil es alles einfacher macht und die Verkehrswege gut ausgebaut sind. Und ich habe Freunde und Freundinnen in Europa, die es mir erlauben, andere Denkweisen zu entdecken.”

Im Zusammenhang mit der Frage der innereuropäischen Mobilität tauchte in den Interviews auch immer wieder ein Thema auf: das Beherrschen der englischen Sprache, die als kleinster gemeinsamer Nenner innerhalb Europas betrachtet wird. Der Stellenwert, den unsere Gesprächspartner*innen dem Englischen beimessen, legt bestimmte Aspekte des Verhältnisses zwischen Identität und Mehrsprachigkeit offen. 

Zwischen der europäischen Sprachenvielfalt einerseits und Englisch als Lingua franca Europas und der Welt andererseits besteht ein Spannungsverhältnis

Im Laufe unserer Untersuchung traten die Grundzüge einer in Europa im Zusammenhang mit der Mehrsprachigkeit stets wiederkehrenden Debatte deutlich hervor: Braucht Europa das Englische als gemeinsame Sprache oder sollte im Gegenteil die Sprachenvielfalt gefördert werden? Wobei zwei konkurrierende Grundannahmen bestehen: Die einen gehen davon aus, dass die Verwendung einer gemeinsamen Sprache das Entstehen einer kollektiven Identität fördert; während die anderen im Gegensatz dazu der Auffassung sind, dass die Bürger durch das Erlernen der fremden Sprachen die anderen europäischen Kulturen kennenlernen sollen und dass nur aus dem so geschaffenen gegenseitigen Verständnis ein echtes Gefühl der Zugehörigkeit zu Europa wachsen kann. Wir haben unsere Gesprächspartner*innen nicht darum gebeten, in dieser Frage Stellung zu beziehen – ebenso wenig haben wir während der Interviews explizit die Begriffe dieser Debatte verwendet –, interessanterweise kamen sie jedes Mal von sich aus auf das Thema zu sprechen.

Englisch wird fast durchgängig als die Sprache betrachtet, die man im europäischen Kontext unbedingt beherrschen muss – als moderne europäische Lingua franca. „Englisch bleibt auf jeden Fall die Sprache, die man lernen muss, die Referenzsprache. Ich denke nicht, dass sich das sehr bald ändern wird“, sagt Ornella. Auch Anna merkt an, „andere Fremdsprachen als Englisch” seien in ihrem Beruf nur nice to have.

Unsere Gesprächspartner*innen betonten aber auch immer wieder, dass die englische Sprache nur eine Mindestanforderung darstelle und sie generell einen höheren Anspruch an sich selbst (aber auch an ihre europäischen Mitbürger*innen) hätten, was die Fremdsprachenkenntnisse betrifft. Lara Sophie sagt etwa: „Wenn man als Deutscher ins Ausland geht, kann man nicht erwarten, dass alle unsere Sprache sprechen – oder ähnlich mit ‚kleinen‘ Sprachen. Deswegen ist Englisch unbedingt nötig und könnte ausreichen, aber für mich, wenn ich in ein Land gehe, möchte ich schon die Sprache können. Es ist auch respektvoll, ‚Hallo‘ in der Landessprache sagen zu können.”

Obwohl ein Großteil der Dänen sehr gut Englisch spricht und es durchaus möglich wäre, in Dänemark zu leben und nur Englisch zu sprechen, steht für den Franzosen Luc (Controller, 47) fest: „Die Tatsache, dass man sich anstrengt und die dänische Sprache lernt, ist der Schlüssel, um Zugang zur dänischen Kultur zu erlangen und sich wirklich zu integrieren.” Ionela (Studentin, 22), die aus einer ländlichen Region Rumäniens stammt, sagt:

„Englisch bringt uns näher zusammen, aber Französisch ist eher ein Trumpf im Lebenslauf.”

Aber auch die Bedeutung des Englischen als gemeinsame Kommunikationssprache in der Europäischen Union wird von einigen relativiert: „Ich glaube, es ist ein Vorteil, Französisch und Deutsch zu sprechen. Denn mit dem Brexit wird Englisch an Bedeutung verlieren”, meint Daria. Alexandru sagt, dass ihn die englische Sprache näher an die USA gebracht habe. Für ihn ist Englisch „nicht besonders europäisch“.

Generell sind sich alle darin einig, dass die Sprachenvielfalt wertvoll ist und gepflegt werden sollte. Ursula zum Beispiel findet die Verbreitung und Dominanz der englischsprachigen Popmusik nicht gut. Und Johanna ist der Meinung, dass „kleine Länder viel zu schnell bereit [seien], Besuchern mit Englisch entgegenzukommen. Dadurch werde ihre Sprache gefährdet.” Die 68-jährige Catherine aus Frankreich findet es ebenfalls schade, dass in vielen Situationen Menschen, die keine englischen Muttersprachler sind, auf Englisch kommunizieren müssen, weil sie keine andere Sprache beherrschen.

Generell zeichnet sich das Bild eines Mittelweges ab, bei dem die notwendige Beherrschung der englischen Sprache nicht im Widerspruch zu dem Wunsch steht, sich in lokalen – regionalen oder nationalen – Sprachen auszudrücken. Wobei letztere als Reichtum empfunden werden.

Das ist ein Punkt, der bei unserem Treffen mit den europäischen, französischen und deutschen Entscheidungsträgern während unseres letzten Seminars in Berlin aufgegriffen wurde: In der Diskussion wurden einige Überlegungen rund um die europäischen Sprachen geäußert, darunter auch die Idee, Englisch den Status einer in allen EU-Mitgliedstaaten gültigen Amtssprache zu verleihen. Das knüpft an die These an, dass eine gemeinsame Sprache die Entstehung eines Zugehörigkeitsgefühls auf europäischer Ebene fördern könnte. Die Äußerungen unserer Interviewpartner*innen sprechen jedoch eher gegen diese Vorstellung.

Dabei spielt ein weiterer Aspekt eine Rolle, der in unseren Interviews immer wieder auftauchte und den wir ebenfalls in Berlin vorstellen durften: die Tatsache, dass alles, was als von oben aufgezwungen wahrgenommen wird, auf Skepsis stößt. Auch das würde der Idee, eine gemeinsame europäische Identität durch die Einführung von Englisch als einheitlicher Amtssprache in allen EU-Mitgliedsstaaten zu fördern, eher entgegenstehen.

Europa von oben nach unten?

Tatsächlich macht sich eine gewisse Skepsis bemerkbar, wenn es um die Sprachpolitik der Europäischen Union geht: Bei den Interviews haben wir uns direkt auf die offizielle Sprachpolitik der EU bezogen und unsere Gesprächspartner*innen gezielt danach gefragt, was sie von dem EU-Ziel halten, dass jede*r europäische Bürger*in zusätzlich zu seiner/ ihrer Muttersprache zwei weitere Sprachen beherrschen soll.

Meistens wird dieses Vorhaben zwar als positiv und wünschenswert betrachtet, gleichzeitig jedoch auch skeptisch gesehen. Denn obwohl die Mehrheit unserer Gesprächspartner*innen selber mehrere Fremdsprachen beherrscht, ist ihnen bewusst, dass sie in dieser Hinsicht eher eine Ausnahme darstellen und dieses Ziel für viele schwierig zu erreichen sein dürfte.

So stellt etwa Julia fest: „Prinzipiell finde ich es total schön, aber ich weiß nicht, wie realistisch das ist. Ich habe zum Beispiel Freunde, die sich schon in der Schule mit Englisch total gequält haben. Und die auch zu zwingen, irgendwelche Sprachen zu lernen, wenn sie das nicht so positiv besetzen können, ist vielleicht etwas schwierig.”

In vielen Gesprächen zeichnet sich auch die Befürchtung ab, dass eine Sprachpolitik, die zum Erlernen von Fremdsprachen verpflichtet und als Top-Down-Ansatz wahrgenommen wird, nicht zielführend sei. „Ich denke, eine Sprache zu erlernen, sollte keine Pflicht sein. Es ist zwar gut, mehrere Sprachen zu sprechen, aber man muss auch eine Verwendung dafür haben”, sagt Ornella.

Auch Elisabeth und Yannik betonen, dass die Motivation für den Spracherwerb intrinsisch sein sollte und dass in erster Linie sowohl eine gewisse emotionale Bindung als auch der Praxisbezug zu Sprache notwendig sind.

Mélanie erklärt: „Diese Idee erscheint mir utopisch, auch wenn ich damit nicht sagen will, dass man sie aufgeben sollte. So etwas ist in den Ländern möglich, die bereits auf das Erlernen von Fremdsprachen ausgerichtet sind und stellt einen Vorteil für jeden ihrer Bürger dar. Aber in Ländern wie Frankreich, in denen der Fremdsprachenerwerb keine Priorität hat, stelle ich mir das schwierig vor. Zwei Sprachen zusätzlich zu seiner Muttersprache zu beherrschen, verlangt umfangreiche Investitionen (sowohl persönliche als auch finanzielle), und es müssen die entsprechenden Strukturen und Lehrkräfte vorhanden sein, die es einem erlauben, diese Sprachen richtig zu lernen.”

Verschiedentlich wurde außerdem angemerkt, dass nicht der Anspruch bestehen sollte, alle Sprachen perfekt zu beherrschen, sondern dass Grundkenntnisse für die Akzeptanz bei der einheimischen Bevölkerung, beispielsweise auf Reisen, bereits zielführend seien.

Welche europäische Identität?

Obwohl alle Befragten betonen, welche Möglichkeiten – insbesondere hinsichtlich der kulturellen Vielfalt und der Reisemöglichkeiten – ihnen das Erlernen von Fremdsprachen innerhalb Europas eröffnet, beantworteten sie die Frage, ob sie sich als Europäer*innen fühlen, ganz unterschiedlich. Während einige eine europäische Identität für sich beanspruchen – wie etwa Grazyna, die sich vor allem aufgrund ihrer Erinnerung an die durch den Mauerfall ausgelösten Veränderungen in Osteuropa und die damit verbundenen Hoffnungen sehr stark mit dem europäischen Gedanken identifiziert, ist der Gedanke eines europäischen Zugehörigkeitsgefühls für andere problematischer.

Auf die Frage eines möglichen Zusammenhangs zwischen Mehrsprachigkeit und europäischer Identität, beteuert zum Beispiel Ornella, sich in erster Linie als Französin zu fühlen und fügt hinzu:

„Eine oder mehrere europäische Sprachen zu sprechen, bewirkt nicht, dass ich mich europäischer fühle.”

Lara Sophie wiederum verbindet die Identitätsfrage mit der Kultur eines Landes und relativiert somit die Vorstellung von einer europäischen Identität: „Ich weiß nicht, ob ich mich als Europäerin fühle. Die Länder sind ziemlich unterschiedlich.”

Antje (Rechtsanwältin, 52, Deutschland) ihrerseits empfindet sich sowohl als Deutsche als auch als Europäerin – letzteres vor allem, wenn sie in die USA reist, also außerhalb Europas. Damit betont sie, dass die Wahrnehmung der eigenen Identität je nach Kontext variiert. Auch Catherine stellt fest, dass der europäische Teil ihrer Identität nur dann wirklich zum Tragen käme, wenn sie sich auf einem anderen Kontinent befinde.

Jean-Baptiste bringt eine weitere, ganz andere Perspektive ein; er erklärt, was Europa wirklich brauche, seien Werte und nicht Identitäten. Er sieht in der Identitätsfrage somit keine Dringlichkeit und Priorität, da diese seiner Meinung nach verhindert, dass wir uns mit anderen Themen befassen, die für Europa wichtiger seien.

Cindy wiederum erinnert uns daran, dass die eigene Identität stets im Wandel begriffen ist: „Ja, ich empfinde mich als Europäerin, auch wenn dieses Gefühl in den letzten Jahren nachgelassen hat. Nur als kleine Anekdote: Ich bin am 9. Mai geboren, dem Europa-Tag. Als ich noch studiert habe, fühlte ich mich sehr europäisch, meine europäische Identität war zu dieser Zeit stärker ausgeprägt als meine französische. Mit seinen vielfältigen und reichen Kulturen und seiner Dynamik erschien mir Europa wie ein riesiger Raum der Möglichkeiten. Damals war Europa gleichbedeutend mit Zukunft. Ich sah das gesamte europäische Potenzial. Heute bedeutet mir Europa, abgesehen von der Reisefreiheit, nicht mehr so viel. Ich habe den Eindruck, dass die Dynamik, die ich damals wahrgenommen habe, verschwunden ist. Die Extremismen sind auf dem Vormarsch und der Brexit, den ich für unmöglich hielt, wurde beschlossen. Natürlich nehme ich die kulturelle Vielfalt Europas nach wie vor als Bereicherung wahr, aber nicht in stärkerem Maße als die anderen Kontinente.”

Neben der Vielfalt der Antworten und Perspektiven war es interessant zu beobachten, dass unsere Fragen den Interviewpartner*innen eine Gelegenheit zur Selbstreflexion rund um das Thema der europäischen Identität boten: In den meisten Fällen hatten die Befragten keine „fertigen” Antworten parat, derer sie sich vollkommen sicher waren, sondern nahmen sich die Zeit, über die Problematik nachzudenken, als sei ihnen das Thema bis dahin nicht bewusst gewesen. Unserer Meinung nach war dies auch ein Grund dafür, dass die Befragten nur selten explizit eine Verbindung zwischen ihrer Mehrsprachigkeit und einer möglichen europäischen Identität herstellten, obwohl ansonsten die Themen der innereuropäischen Mobilität und der Offenheit gegenüber anderen europäischen Kulturen in den Gesprächen sehr präsent waren.

Gibt es Sprachenmuffel?

Im Rahmen unseres Projekts haben wir nicht selbst mit Menschen gesprochen, die keine Fremdsprachen lernen oder sprechen. Die Gruppe dieser Menschen war für uns deutlich schwieriger zu identifizieren als die Gruppe der Menschen, die Fremdsprachen lernen. Um jedoch auch die Perspektive der Personen ohne Fremdsprachenkenntnisse nicht auszuklammern, haben wir versucht indirekt mehr über diese herauszufinden. So erfuhren wir von unseren Gesprächspartner*innen von Beispielen in ihren Familien und Bekanntenkreisen. Somit konnten wir einige Aspekte hierzu aufnehmen und unsere Arbeit dadurch ergänzen.

Melinda (Studentin, 22) ist Rumänin mit ungarischer Muttersprache, spricht aber auch Rumänisch auf muttersprachlichem Niveau. Sie erzählt von Freunden, die als Teil der ungarischen Minderheit in Rumänien ausschließlich Ungarisch sprechen. Eine solche – gelebte und akzeptierte – sprachliche Parallelität innerhalb einer Gesellschaft war uns als Deutschen und Franzosen unbekannt. In Deutschland und Frankreich wurde als einer der häufigsten Gründe dafür, keine Fremdsprache zu erlernen, ein mangelndes Interesse an Sprachen genannt, welches die Betroffenen aber meist nicht beeinträchtige. Sie seien in der Regel etwas weniger im Ausland unterwegs oder reisten seltener individuell. Darüber hinaus handelt es sich nach Meinung unserer Interviewpartner*innen um eine Generationen-Frage, da ältere Menschen in einer weniger globalisierten Umwelt agierten.

Julia äußert sich dazu so: „Ich habe das Gefühl, das betrifft eher die Eltern-Generation. Aber ich habe schon ein paar Freunde, die das nicht so können. Ich glaube, das ist eine Mischung aus mangelndem Interesse und dass es ihnen nicht so liegt. Bei meinen Großeltern zum Beispiel ist es wirklich mangelndes Interesse, der internationale Gedanke ist einfach nicht da.”

„Manche haben eben andere Begabungen oder Interessen”, bestätigt Elisabeth. Und auch Ursula hat Freunde die keine Fremdsprachen beherrschen. Diese „reisen dann eher in Gruppen und nicht individuell.”

Mehrsprachigkeit fördert das Entstehen einer europäischen Identität – häufig ohne, dass sich die Menschen dessen bewusst sind

Die Gespräche, die wir im Rahmen unseres Projekts mit ganz unterschiedlichen Menschen über ihre Motivation für den Fremdsprachenerwerb und ihre Sicht auf Europa geführt haben, waren sehr bereichernd. Besonders die vielen persönlichen Geschichten haben uns aufgezeigt, dass Mehrsprachigkeit identitätsstiftend wirken kann, wobei ein Top-Down-Ansatz über Regularien und Vorschriften eher wenig erfolgversprechend scheint und Identität scheinbar besser aus intrinsischer Motivation entsteht. Interessant war in diesem Zusammenhang die Diskussion mit den politischen Entscheidungsträger*innen im deutsch-französischen Kontext über die Einführung einer gemeinsamen Amtssprache in allen EU-Ländern.

In unseren Interviews wurde deutlich, dass fremdsprachliche Medien aller Art eine zentrale Rolle beim Fremdsprachenerwerb spielen. Ein einfacher Zugang zu solchen Medien könnte deshalb einen zusätzlichen Beitrag zur interkulturellen Verständigung und Akzeptanz leisten.

Paradox ist dennoch, dass viele unserer Gesprächspartner*innen zwar einen besonderen Bezug zu Europa verneinen, aber durch ihre Mehrsprachigkeit den europäischen Gedanken offensichtlich leben, ohne es zu realisieren. Sie drücken ein starkes Bewusstsein und eine große Wertschätzung gegenüber der kulturellen und sprachlichen Vielfalt Europas aus. Dies zeigt, dass auch die Arbeit der vielen Kulturinstitute bei der Bevölkerung große Beachtung und Anerkennung findet. Die grundsätzliche Bereitschaft, andere Sprachen zu lernen – auch ohne Anspruch auf Perfektion, aber mit dem Willen zur Verständigung – leistet einen wertvollen Beitrag zum europäischen Einigungsprojekt.

Wir danken Wera, Karoline, Ursula, Grazyna, Jean-Baptiste, Alexandru, Antje, Julia, Daria, Maria, Annika, Elisabeth, Lara Sophie, Estelle, Luc, Ornella, Melinda, Ionela, Yannik, Catherine, Cindy, Bernadette, Anna, Elke, Mélanie und Johanna für ihre Bereitschaft, sich im Rahmen dieses Projekts mit uns auszutauschen. Unser Dank gilt auch den Sprachinstituten, Sprachkursen und Dozenten, die uns unterstützt haben und eine Vielzahl an Kontakten herstellten sowie den Organisatoren und Förderern des Deutsch-Französischen Zukunftsdialogs.