Milchproduktion in Europa

Begegnungen mit Betrieben in Deutschland, Frankreich und Rumänien

Von Tressia Boukhors, Lucie Morvan und Victoria Weidemann 

Illustrationen: Lucie Morvan

Im Jahr 2019 ist die Landwirtschaft erneut größter Nutznießer des EU-Budgets: 161,7 Milliarden Euro oder 36,1 Prozent des Gesamthaushalts der Europäischen Union sind ihr zugedacht. Und das aus gutem Grund. Seit ihren Anfängen war die Gemeinsame Agrarpolitik eine bewusste Entscheidung für die Einheit Europasfür die Förderung des freien Warenverkehrs und gegen den nationalistischen Wettbewerb der Mitgliedsstaaten. Von Beginn an wurde diese Politik jedoch oft auch als „deutsch-französisches Abkommen“ wahrgenommen: Es sollte sowohl dazu dienen, das Übergewicht der deutschen Industrie zugunsten der französischen Landwirtschaft auszugleichen, als auch ein Instrument für Deutschland sein, um benötigte Lebensmittel zu einem wettbewerbsfähigen Preis zu erwerben. 

Spricht man über europäische Identität und deutsch-französische Beziehungen, ist daher ein genauer Blick auf den Agrarsektor unerlässlich. Um konkrete und vergleichbare Ergebnisse für jedes Land zu erhalten, haben wir uns auf ein ganz bestimmtes Produkt konzentriert: Milch. Sie ist der rote Faden in der Ernährungsbiografie eines Bürgers. Zuerst von seiner Mutter genährt, wechselt er später zu Kuhmilch, die Nährstoffe und Gesundheit verspricht. Den hohen Stellenwert dieses Produkts in unserem täglichen Leben zeigt auch die oft heftige Diskussion um den Nutzen oder Schaden von Kuhmilch in den letzten Jahren. Wir erinnern uns auch an die Episode von gepanschter Milch in China im Jahr 2008, nach den deutschen und französischen Supermärkten angeblich von Chinesen auf der Suche nach unbelastetem Milchpulver geradezu „leergekauft“ wurden. Oder die Diskussion um das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP von 2013 bis 2016, die von der breiten Öffentlichkeit vor allem als Konfrontation zwischen „Chlorhühnchen“ und „Rohmilchkäse“ wahrgenommen wurde. 

Milch ist also ein europäisches Produkt par excellence, das aber nicht immer alle vereint. Protestinitiativen wie „Wir haben es satt“ in Deutschland oder „Les agriculteurs rémunérés au juste prix“ in Frankreich kreiden zunehmend Lohnunterschiede, übermäßige Arbeitsbelastung und ein allgemeines Ungleichgewicht zwischen Konsum und Produktion an. Eine Situation, die manche jedoch weniger belastet als andere. Während Frankreich nach wie vor der größte landwirtschaftliche Produzent in der EU und damit der größte Begünstigte der GAP ist, befürchtet Deutschland einen Abbau seiner Subventionen im Jahr 2020. In Rumänien machen die Agrarsubventionen seit dem EU-Beitritt des Landes den größten Anteil der EU-Hilfen aus, für die nächsten Jahre soll der absolute Wert dieser Subventionen aber fast identisch bleiben. 

Um der Suche nach einer europäischen Identität nachzugehen, erschien es uns wichtig, uns mit einzelnen Vertreterinnen und Vertretern des Berufsstandes auszutauschen. Wir wollten wissen, wie die Situation der Milchproduzenten vor Ort ist und so mehr über ihre Selbstwahrnehmung erfahren, anstatt uns aus der Ferne auf Statistiken zu stützen. Folgende Fragen interessierten uns: 

  • Wie gehen Landwirte in Deutschland, Frankreich und Rumänien mit der Weiterentwicklung ihres Berufs um?  
  • Welchen Anteil haben EU-Subventionen an ihrem Betrieb?  
  • Was sind die wichtigsten Fragen, Probleme und Trends im Vergleich zwischen den drei Ländern? Führen gemeinsame Herausforderungen zu einer gemeinsamen Identität, vielleicht sogar einer europäischen Identität der Landwirte?  

Um diese Fragen zu beantworten, haben wir sechs Interviews geführt: in Deutschland mit Sylvia Zeidler vom Bauernhof der Agrargenossenschaft „Spreetal“ eG in Neu Lübbenau und Sigmar Goldammer vom Hof Marienhöhe in Bad Saarow; in Frankreich mit Nicolas Tertrais aus Champnetery im Limousin, und Véronique und Frédéric Kaak aus derselben Region; in Rumänien mit Dr. med. Mihai Voloseniuc in Vatra Dornei und Dacian Badea von der Kooperative Fermele Ecologice Silvania in der Nähe von Cluj. 

Gemeinsame Agrarpolitik 

Die GAP wurde 1962 ins Leben gerufen, um Landwirten ausreichendes Einkommen und Verbrauchern faire Preise zu gewährleisten. Alle Milcherzeuger, die wir in Frankreich, Deutschland und Rumänien getroffen haben, profitieren von den im Rahmen der GAP gewährten Beihilfen. Die Produzenten fordern jedoch keineswegs mehr Subventionen um jeden Preis, sondern beurteilen die GAP differenziert. 

Wenn man über europäische Milchpolitik spricht, muss man sich zunächst das Quotensystem näher ansehen. Zwischen 1984 und 2015 galt es zuerst in Frankreich und dann in der gesamten EU. Es erlaubte jedem Hof nur eine bestimmte Menge Milch zu produzieren. Vier Jahre später ist dieser Mechanismus des Angebotsmanagements in den Köpfen der Menschen, insbesondere bei den französischen Produzenten, immer noch fest verankert. Die Quote hat einen starken Groll gegen den unlauteren Wettbewerb innerhalb der EU selbst hinterlassen. Nicolas Tertrais erklärt: „Ich bin in Bezug auf die Quoten geteilter Meinung: Sie sind an sich eine gute Sache, außer dass in der EU nicht bei allen mit dem gleichen Maß gemessen wurde. Einige Länder haben die Beschränkungen nicht eingehalten, und am Ende wurden wir dafür bestraft.“ 

Während sein Hof – damals von seinen Eltern geführt – 1996 300.000 Liter Milch produzierte, verdoppelte sich die Produktion kurz nach dem Ende der Milchquoten. Heute zählt der Betrieb Tertrais 130 Kühe und produziert mehr als eine Million Liter Milch pro Jahr. 

Die GAP gliedert sich in zwei Säulen, von denen die erste Direktbeihilfen für die Landwirte und die zweiten Subventionen für die Entwicklung ländlicher Regionen vorsieht. Frankreich ist mit mehr als 64 Mrd. Euro für den Zeitraum 2014-2020 der größte Nutznießer der GAP und wird dies auch trotz eines erwarteten Rückgangs von 3,9 Prozent von 2021-2027 bleiben. Deutschland seinerseits erhält für den Zeitraum 2014-2020 44 Milliarden Euro, verglichen mit 41 Milliarden Euro, die für die Jahre danach prognostiziert wurden. In Rumänien bliebe der Anteil der Agrarsubventionen nach diesen Prognosen stabil. 2017 erhielt das Land rund 3,3 Milliarden Euro an Agrarsubventionen; für die nächsten sechs Jahre sollen insgesamt 20,5 Milliarden, also ca. 3,4 Milliarden Euro pro Jahr zur Verfügung stehen. 

„Mir wäre es lieber, wenn meine Milch teurer bezahlt würde und ich auf die GAP-Beihilfe verzichten könnte“

Nicolas Tertrais

Für einige der Produzenten, zum Beispiel unsere Gesprächspartner in Frankreich, macht diese Subvention etwa 20 Prozent ihres Jahresumsatzes aus. Das ist eine substanzielle Hilfe. Aber Nicolas Tertrais sagt uns: „Mir wäre es lieber, wenn meine Milch teurer bezahlt würde und ich auf die GAP-Beihilfe verzichten könnte“. 

Dieses Gefühl wird noch verstärkt durch eine zunehmende Bürokratisierung, die mit der Realität des Berufs unvereinbar scheint. „Wir sind mit Verwaltungsarbeit überlastet. Wir verwenden mittlerweile mehr Zeit auf Subventionen als auf praktische Fragen, die unsere Kühe betreffen“, sagt Nicolas Tertrais. Er verdeutlicht auch die Schwierigkeit häufiger politischer Richtungsänderungen und wachsender Einschränkungen: „Auf einem Bauernhof kann man nicht alle vier bis fünf Jahre komplett umsatteln“, meint Tertrais zu den Kriterien und Verfahren für die Mittelvergabe. 

„Auf einem Bauernhof kann man nicht alle vier bis fünf Jahre komplett umsatteln“

Nicolas Tertrais

Eine der Änderungen, die für den neuen Haushaltsplan 2021-2027 diskutiert werden, ist eine Obergrenze für GAP-Beihilfen von 100.000 € pro Betrieb. Damit sollen kleine und mittlere Betriebe unterstützt werden. Dieses Projekt trifft Dacian Badea von der Genossenschaft Fermele Ecologice Silvania besonders: „Das ist keine gute Nachricht für Rumänien, da wir hier sehr große Betriebe haben. Kurzfristig wird es [finanziell, Anmerkung d. Verf.] sehr schwierig sein; langfristig wird der Mangel an Subventionen zu höheren Preisen führen, die an die Bevölkerung weitergegeben werden.“ Seiner Meinung nach wird sich die Folge einer solchen Entwicklung nicht nur auf die Preise, sondern auch auf die Struktur der Betriebe auswirken: „Jedes große Molkereiunternehmen muss sich dann in einer Holding organisieren, die 5 oder 10 kleinere Unternehmen besitzt“. Seiner Ansicht nach ist es unerlässlich, ein Finanzierungssystem aufrechtzuerhalten, das große Strukturen nicht benachteiligt, da dies die einzige wirtschaftlich tragfähige Lösung für Investitionen in neue Technologien sei. 

„Das ist keine gute Nachricht für Rumänien, da wir hier sehr große Betriebe haben“

Dacian Badea

Europäische Identität 

Fragt man nach der europäischen Identität von Milcherzeugern in Frankreich, Rumänien und Deutschland, wirkt die erste Beobachtung eher ernüchternd: Niemand identifiziert sich explizit als Teil einer europäischen Gemeinschaft. Während alle mehr oder weniger direkt von den EU-Subventionen profitieren und sich für die Situation ihrer Kollegen in anderen Ländern interessieren, äußert keiner von ihnen ein bestimmtes Produkt, eine bestimmte Technik oder Einstellung, die europäische von amerikanischen, asiatischen oder afrikanischen Produzenten unterscheiden würde. Dies liegt nicht an fehlenden Vergleichsdaten: 4 der 6 Befragten reisen oft geschäftlich oder bilden sich sogar in anderen Regionen fort. Savoyen, der Jura oder sogar Burkina Faso für die Kaaks und Herrn Goldammer, der Balkan und das Vereinigte Königreich für Dacian Badea. Dieser Austausch scheint jedoch nicht dazu zu führen, Europas Landwirtschaft als Ganzes zu verstehen. „Wir wissen nicht genug, um vergleichen zu können“, sagt Herr Kaak, während Frau Zeidler, die gut ins Erzeugernetzwerk ihrer Region integriert ist, meint: „Wir wissen einfach nicht viel darüber, was in anderen Gegenden passiert. Die Produktionsbedingungen sind sehr unterschiedlich.“ 

„Wir wissen nicht genug, um vergleichen zu können“

Frédéric Kaak

Andererseits wissen die meisten unserer Gesprächspartner, wie sie die Frage nach der Rolle Europas beantworten können, indem sie Beispiele für die sehr konkreten Auswirkungen der europäischen Politik auf ihren Beruf geben. Als die EU beispielsweise den Verkauf von Rohmilchprodukten erlaubte, waren einige Mitgliedstaaten bei der Umsetzung des Gesetzes schneller als andere, insbesondere Frankreich. Sigmar Goldammer erinnert sich: „Wir hatten hier die absurde Situation, dass wir in unserem Hofladen Rohmilchprodukte aus Frankreich angeboten haben, wir aber in Berlin, nur ein paar Kilometer weiter, nicht einmal unsere eigenen Produkte verkaufen durften!“  Was von den einen als Absurdität wahrgenommen wird, ist für andere repräsentativ für eine gute funktionale Verwaltung. Herr Badea zum Beispiel ist stolz darauf, auf seinem Hof in Rumänien zur EU zu gehören, auch wenn dies ein hohes Maß an Bürokratie bedeutet:“Die Einhaltung der EU-Vorschriften ist für uns normal, sie sind Teil der zivilisierten Welt.“

 In Frankreich reicht dieselbe Bürokratie bereits aus, um mehr als einen zu verärgern. Die Regeln seien manchmal schwer zu verstehen und nicht sehr einheitlich: „Ich bin nicht gegen Europa, aber die Regeln müssen für alle gleich sein“, sagt Nicolas Tertrais.  

Abgesehen von diesen konkreten Antworten auf die explizite Frage nach der EU bleibt Europa jedoch im Diskurs unserer Gesprächspartner auffallend absent. Viel mehr stellen sie ihre Geschäfts- und Wirtschaftslage in einen viel breiteren, globalen Kontext. Dacian Badea argumentiert: „Landwirte sind auf der ganzen Welt gleich: Grundbesitzer, keine Theoretiker. Vielleicht haben wir deshalb keine gemeinsame Organisation, die alle zusammenbringt.“ Konventionelle Betriebe stehen im Mittelpunkt globalen Handels und decken sich in Brasilien oder den Vereinigten Staaten mit Soja und Saatgut ein. Unter den Biobauern ist die Erkenntnis besonders umfänglich: „Als die Milchkrise herrschte, war das überall eine Katastrophe. Noch heute gibt es kein Land, das viel besser abschneidet als andere. Wir leben in der „Welt nach Monsanto“. (Übers. des frz. Originaltitels des Films. Deutscher Titel: Monsanto, mit Gift und Genen.“) 

„Wir leben in der „Welt nach Monsanto“

Statt einer europäischen Identität empfinden diese Milcherzeugerinnen und-erzeuger also viel eher eine Zugehörigkeit zu einem weltweiten Berufsstand. Europa bleibt dabei die Leerstelle zwischen einer oft starken regionalen oder nationalen Identifikation und der Idee des „Weltbürgers“, oder besser gesagt: Weltbauern. 

Regionale Verwurzelung 

Alle Produzenten, die wir getroffen haben, fühlen sich stark mit ihrer Region verbunden. Ort und Produkt sind im Fall der Milch in gewisser Weise untrennbar miteinander verknüpft, vielleicht sogar noch stärker als bei anderen Agrarprodukten, die größere Entfernungen zwischen Produktionsort und Verbrauchsort ohne Kühlkette zulassen. Diese Verbundenheit mit der Region wird oft zu einem Werbeargument der Milchhöfe: „We are a group of Transylvanians, lovers of green fields and sweet cows, working together in Silvania County“, so die Website der Silvania-Kooperative in Rumänien. Frau Zeidler wäre bei der Werbung für ihre Region gerne noch weiter gegangen: „Wir wollten Spreewald-Milch verkaufen. Der Spreewald ist berühmt und in Berlin bekannt. Aber die Molkerei hat Einwände erhoben. Zusammen mit mehreren anderen Betrieben bilden wir nun die von uns individuell gestaltete Milchmarke Brandenburg“. 

Marketingkampagnen, die die Nähe zwischen Milchproduktion und Verbrauchern erwähnen, gibt es in der Tat zu Hauf. Während in Frankreich „Le lait d’ici“ hoch im Kurs steht, manchmal nach Regionen unterteilt, so soll in Deutschland die Herkunft aus den Alpen, Holstein oder Bayern Qualität und Frische des Produkts garantieren, sei es aus biologischem oder konventionellem Anbau.  

Nicolas Tertrais erzählt uns, er sei stolz, seine Milch im lokalen Supermarkt zu finden und sogar enttäuscht, dass die lokale Produktpalette dort nicht noch umfassender sei: „Wenn man die spärliche Abteilung für Milchprodukte im Supermarkt in Saint-Léonard-de-Noblat (in seiner Region, Anm. d. Verf.) sieht, kann man nur das Gesicht verziehen.“ Die Biobauern sind ebenfalls vor allem auf regionaler Ebene organisiert, um ihre Milch zu sammeln und die Interessenvertretung zu gewährleisten. Eine starke Verbindung zu ihrer Region rührt zudem aus der Vernetzung mit örtlichen Wochenmärkten, auf denen sie ihre Produkte wie zum Beispiel Käse verkaufen. So scheint es völlig selbstverständlich, dass sie Bauern, die einst aus einem anderen Teil Frankreichs kamen, als „Ausländer“ bezeichnen: Für Normannen und Bretonen gilt das es ebenso wie für Niederländer oder Belgier. 

Schließlich geht dieser gelebte Regionalismus oft mit dem Eindruck der Produzenten einher, eine Verpflichtung gegenüber ihrer Region zu haben: Dörfer wiederzubeleben, Experimente an von der Politik „vergessenen“ Orten durchzuführen, Beziehungen aufzubauen. Sigmar Goldammer erklärt: „Die Politik unterschätzt die Rolle der Landwirte im ländlichen Raum. Wir beleben die Dörfer.“

Das ist ein wesentlicher Teil der Motivation des Hofes Marienhöhe: „Die Menschen sind heute entwurzelt. Sie schlafen nur in den Dörfern, aber es gibt keine Landwirtschaft mehr. Wir versuchen, diese Verbindung wiederherzustellen.“ Die landwirtschaftliche Produktion wirkt damit weit über die Funktion als Garant für die Versorgung mit Lebensmitteln hinaus und wird zu einem Träger zwischenmenschlicher Beziehungen und sozialer Stabilität in der jeweiligen Region. 

„Wir beleben die Dörfer“

Sigmar Goldammer

Bio vs. konventionell 

Noch mehr als die Dichotomie zwischen Ländern oder Regionen fiel uns die Kluft zwischen ökologischer und konventioneller Produktion auf. Für einige, wie Sylvia Zeidler in Neu Lübbenau, ist Milchproduktion im ökologischen Landbau eine Selbstverständlichkeit und Teil eines Brauchs, den sie weiterführt. „Der Hof liegt in einem Naturschutzgebiet. Schon vor dem Mauerfall waren wir bio.“, sagt sie. Dasselbe gilt für Dacean Badea in Cluj: „Vor 30-40 Jahren, während des Kommunismus, war unsere Landwirtschaft schon biologisch.“ Für andere, wie Sigmar Goldammer, dessen Hof der älteste Demeter-Bauernhof Deutschlands ist, begann alles schon 1924 als soziales Experiment, „lange bevor Bio überall in Mode kam“.  

Die Familie Kaak hingegen begann „erst“ 2013 mit der Umstellung ihres Hofs auf Bio und wurde teilweise durch Subventionen dabei gefördert. Diese Veränderung war das Ergebnis der Suche nach wirtschaftlichen Alternativen infolge der Milchkrise 2009. Sie beruht aber auch auf einer langsam heranreifenden persönlichen Überzeugung sowie einer starken Partnerschaft mit der Genossenschaft Biolait, Frankreichs führendem Abnehmer von Bio-Milch. Für Véronique Kaak spielte der Film „Le monde selon Monsanto“ eine wichtige Rolle in diesem Prozess. Sie betont die Bedeutung des Sojaanbaus für die konventionelle Milchwirtschaft, da die damit verbundenen Kosten manchmal bis zu 50 Prozent des Milchpreises ausmachten: „Die Sojaproduktion ist die Pest für Landwirtschaft und Ökologie.“   

Darüber hinaus hat die Umstellung zwar erhebliche Auswirkungen auf die Produktionsmenge der Kaaks gehabt, die von fast 700.000 Litern Milch pro Jahr im Jahr 2008 auf 320.000 Liter pro Jahr seit 2012 gesunken ist. Doch hat sie der Erzeugerfamilie ermöglicht, ein besseres finanzielles Gleichgewicht und ein alternatives Geschäftsmodell zu erreichen. Frédéric Kaak ergänzt: „Wir haben unsere Produktion durch zwei, unsere Kosten aber durch dreigeteilt. [….] Ich habe nur einen Fehler gemacht: nicht schon früher auf Bio umzusteigen.“ 

„Wir haben unsere Produktion durch zwei, unsere Kosten aber durch dreigeteilt. [….] Ich habe nur einen Fehler gemacht: nicht schon früher auf Bio umzusteigen.“ 

Frédéric Kaak

Bioproduktion ist „eine Sache der Überzeugung“, fasst Nicolas Tertrais als konventioneller Produzent zusammen. Auch wenn die Nachfrage nach Biomilch wächst, kann er sich nicht vorstellen, diesen Weg zu gehen. Mit dem von seinen Eltern erworbenen Know-how und der bretonischen Tradition einer „schon immer etwas intensiveren Landwirtschaft“ fühlt er sich dazu weder ausgebildet noch berufen. „Man muss die Mentalität dazu haben. Wenn ich jemals Biobauer werde, dann nur, weil ich gezwungen werde“, sagt er. 

„Wenn ich jemals Biobauer werde, dann nur, weil ich gezwungen werde“

Nicolas Tertrais

Über die Unterschiede zwischen konventioneller und Bioproduktion hinaus konnten wir auch eine große Spannbreite an Produktionsmodellen bei den Biomilchbetrieben selbst beobachten. Wenn es ein Modell der Kleinlandwirtschaft gibt, das behauptet, bäuerlich, militant und anti-produktivistisch zu sein, gibt es auch sehr große Strukturen, die mit Hochleistungs-Melkrobotern ausgestattet sind, insbesondere in Rumänien oder Brandenburg, um der wachsenden Nachfrage gerecht zu werden. 

Gerade diese starke Nachfrage nach Biomilch wirft erneut die Frage auf nach Direktbeihilfen im Rahmen der ersten Säule der GAP, aber auch im Rahmen der zweiten Säule durch spezifische Beihilfen für die Umstellung und Erhaltung des ökologischen Landbaus. Sylvia Zeidler aus dem Spreewald erzählt uns, dass sie befürchtet, der Markt für Bio-Milch wachse zu schnell. Sie erklärt: „[Politiker] müssen darauf achten, dass sie den ökologischen Landbau nicht übermäßig fördern. Die Betriebe müssen noch in der Lage sein, sich wirtschaftlich selbst zu erhalten und das ist wichtig für das Land. Niemand bedenkt, dass der Biomarkt zusammenbrechen wird, wenn er weiter so subventioniert wird.“  Im Wesentlichen sei es notwendig, ein gesundes Gleichgewicht zu gewährleisten, damit die Subventionen für eine Art von Landwirtschaft sie nicht übermäßig attraktiv machen. Dies würde nicht nur zu Überproduktion und Überbeanspruchung der Flächen führen, sondern auch zu immer weiter sinkenden Preisen für Biomilch und dem Ende eines wirtschaftlich tragfähigen Modells. 

„Niemand bedenkt, dass der Biomarkt zusammenbrechen wird, wenn er weiter so subventioniert wird.

Sylvia Zeidler

Unsere Interviews in Deutschland, Frankreich und Rumänien sind nicht repräsentativ. Aber sie zeigen die Herausforderungen unterschiedlicher Produktionsmodelle und Agrarpolitiken in Europa. 

In allen drei Ländern legen die Verbraucher gesteigerten Wert auf die Qualität der Milch, sei sie national, lokal und/oder biologisch begründet. Insbesondere in deutschen Supermärkten wird durch die Verpackung gentechnikfreie Milch, deutsche Alpenmilch oder Heumilch von Weidemilch eindeutig unterschieden.  

Darüber hinaus bleibt die angemessene Vergütung der Landwirte ein wesentliches Ziel für die Nachhaltigkeit der Landwirtschaft. Während die Milcherzeuger mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten konfrontiert sind, spielt das Bewusstsein der Verbraucher eine wichtige Rolle bei der Entstehung von neuen Geschäftsmodellen. In Frankreich zielt die 2016 ins Leben gerufene Initiative „C’est qui le patron?“ (dt.: „Wer ist der Boss?“) darauf ab, faire Preise durch Verbraucherinformation und die Integration der realen Produktionskosten zu berechnen. Das erste Produkt, das unter dieser Verbrauchermarke vermarktet wurde, war Milch. Die Biolait-Genossenschaft ihrerseits garantiert allen ihren Landwirten einen stabilen Preis. Diese Praktiken sind umso innovativer, als die Riesen des französischen Milchmarktes wegen ihres unverhältnismäßigen Machtverhältnisses kritisiert werden. Und das aus gutem Grund, denn unter den Top 20 der größten Molkereiunternehmen der Welt befinden sich vier französische Sprosse: Lactalis, Danone, Sodiaal und Savencia. Von Kritikern am häufigsten erwähnt belegt Lactalis den weltweit zweiten Platz und ist Abnehmer bei einem von fünf Milchproduzenten in Frankreich. Das Gesetz vom 30. Oktober 2018 über die Bilanz der Handelsbeziehungen im Agrar- und Lebensmittelsektor und gesunde, nachhaltige und für alle zugängliche Lebensmittel (bekannt als „Lebensmittelgesetz“ oder „EGalim-Gesetz“) zielt genau darauf ab, das Gleichgewicht der Handelsbeziehungen zwischen Produzenten und Großhändlern wiederherzustellen. Die Intervention des Vermittlers für landwirtschaftliche Handelsbeziehungen – dessen Rolle durch das EGalim-Gesetz gestärkt wurde – ermöglichte es, im September 2019 eine Einigung zwischen Lactalis und den Produzenten unter Berücksichtigung der Produktionskosten zu erzielen. In der Folge dieser neuen Gesetzgebung und sicherlich nicht ohne einen marketingstrategischen Hintergedanken, druckt Lactalis seit kurzem die Produzentenvergütung von 40 Cent pro Liter auf die Verpackung seiner Lactel-Milch. 

Sowohl in Deutschland als auch in Frankreich demonstrierten am 22. Oktober und am 26. und 27. November 2019 Landwirte. In Frankreich forderten sie von Präsident Macron mehr Interventionismus und „Sanktionen, wenn Industrielle oder Supermärkte nicht mitspielen.“ In Deutschland protestierten Bauern gegen staatliche Klima- und Agrarreformvorschriften. Ihre Hauptsorgen sind das Verschwinden kleiner Familienbetriebe, Anti-Bauern-Bashing, aber auch die vom Kabinett Merkel IV im September verabschiedeten verbindlichen Maßnahmen für mehr Umwelt- und Tierschutz (u.a. Verordnung über die Verwendung von Pflanzenschutzmitteln, Einführung eines Tierwohllabels und Umsetzung eines Insektenschutzprogramms).  

Deutschland ist nach wie vor der größte Milcherzeuger in Europa vor Frankreich (32,5 Milliarden gegenüber 25 Milliarden Litern pro Jahr in 2017). Der durchschnittliche Erzeugerpreis exkl. MwSt. per 2018 ist identisch mit dem Preis in Frankreich: 35,7 Cent Euro pro Liter laut Bericht „Dairy Economy 2019“. In Rumänien waren es 31 Cent im selben Jahr und die Handelsbilanz für dieses Produkt war negativ. Das Milk Market Observatory der Europäischen Kommission verzeichnet einen etwas anderen Indikator, nämlich den durchschnittlichen Preis pro 100kg Rohmilch. Die monatlich aufgenommenen Zahlen ergeben bis November 2019 eine Steigerung des Rohmilchpreises in Frankreich im Vergleich zu Deutschland und eine stabile Entwicklung für Rumänien: 

Quelle: Milk Market Observatory

Schließlich veranschaulichen die lebhaften Debatten über die Haushaltsleitlinien der GAP für den Zeitraum 2021-2027 die Schwierigkeiten bei der Aufrechterhaltung eines Gleichgewichts zwischen Angebot und Nachfrage. Angesichts sich ändernder Verbrauchergewohnheiten, eines globalen Marktes sowie der Auswirkungen auf die Umwelt steht die GAP vor vielen Herausforderungen. Lange Zeit kritisiert für die Förderung einer industriellen und umweltschädlichen Landwirtschaft auf Kosten von Kleinerzeugern, ist sie nun dabei, Mechanismen zur Begrenzung der Subventionen für große Strukturen einzuführen. 

Die Milchproduktion in Europa spiegelt somit letztendlich eine immer noch fragmentierte europäische Identität wider. Die Umsetzung der gemeinsamen Agrarpolitik ist daher immer genauso von nationalen und lokalen Disparitäten, Besonderheiten und Einzelfällen geprägt wie das Selbstbild der in ihrem Rahmen tätigen Landwirtinnen und Landwirte.

QUELLEN FÜR WEITERE INFORMATIONEN 

 
Gemeinsame Agrarpolitik 

Milchproduktion 

Milch (GeschichteSoziologieTraditionen)